Kann man das „so“ sagen?
Dieses Zitat enthält zwei Vermutungen:
- Lernen wird durch das Web 2.0 effektiver.
- Das Web 2.0 wird unsere Bildungslandschaft dramatisch verändern.
Im Falle der ersten Vermutung wird es darauf ankommen, wie Lernende das Web 2.0 wahrnehmen und nutzen werden. Zwar fordert das Web 2.0 Lernende zu höherer Eigenaktivität auf, indem sie immer häufiger nicht nur Konsument sondern auch Produzent von Wissensinhalten werden. Auch bieten sich viele Web 2.0-Applikationen zur Reflexion von Lernprozessen an, so dass Lernende häufiger auf einer Meta-Ebene das "Was?" und "Wie?" ihres Lernens betrachten können. Jedoch kann ich aus eigener Erfahrung feststellen, dass es hierfür einer durchaus weit reichenden Medien- und Nutzungskompetenz bedarf, welche auch bei jungen Erwachsenen keinesfalls voraus gesetzt werden kann.
So besteht einerseits die Gefahr, bei all den möglichen Anwendungen, Tools und Fundstellen im Web 2.0 den Überblick zu verlieren und Lernprozesse zu "zerfleddern", andererseits wird jedes dieser Tools nur dann dauerhaft genutzt werden, wenn über die "Innovations-Euphorie" hinaus ein guter Grund für dessen Nutzung fortbesteht.
Auf Seiten Lehrender mag es wohl effektiv erscheinen, auf vorhandene Wissensbestände zu verweisen anstatt sämtliche Inhalte selbst aufbereiten zu müssen. Genau hier kann aber auch die Gefahr liegen, zu oft und zu unspezifisch auf Inhalt im www zu verweisen (sprich: zu verlinken) und damit Lerndende vor die hohe Anforderung zu stellen, selbst die Relevanz angebotener Inhalte einzuschätzen.
Damit sich also die erste Vermutung bewahrheitet, muss meines Erachtens sowohl auf Seiten Lehrender als auch auf Seiten Lernender die entsprechende Kompetenz vermittelt werden, Lehr-/Lernprozesse unter richtiger Dosierung des Web 2.0 zu gestalten.
Die zweite Vermutung bewahrheitet sich aus meiner Sicht schon jetzt: Cyber-Mobbing ist wohl an den meisten Schulen bereits ein großes Thema, es war noch nie so einfach, ein Plagiat zu begehen bzw. eines aufzudecken, Professorinnen und Professoren stehen schon jetzt unter dem Druck, Studierende nicht nur in Lehrveranstaltungen und Sprechstunden sondern auch per Email zu begleiten, und zwar in einer Frequenz, die per Briefpost (oder "Snailmail") nie möglich gewesen wäre.
Zu diskutieren ist, in welche Richtung diese dramatischen Änderungen führen und welche Bereiche des Bildungswesens sie betreffen. Geht es um eine Anonymisierung des Bildungsgeschehens zu gunsten orts- und zeitunabhängiger Lernaktivitäten? Welchen Stellenwert hat Privatsphäre im Kontext webbasierter Communities? Wie sehr prägt die Persönlichkeit eines Klassenlehrers die Entwicklung eines Grundschulkindes?
Fragen wie diese führen mich zu dem Schluss, dass es keinesfalls um eine pauschale Inklusion des Web 2.0 in das Bildungsgeschehen gehen kann. Die Nutzung des Internet stellt Anforderungen an die persönliche Reife, das Urteilsvermögen, die Konzentration, die Emotion, das Sozialverhalten, etc. - Kompetenzen, die sich entwickeln müssen, die man lernen muss - und ggf. nicht im Internet lernen kann.
Daher muss sich die Bildungslandschaft darauf einstellen, Lernende auf das Lernen im Web 2.0 vorzubereiten und darauf hinzuführen. Lehrende und Lernende müssen ein Bewusstsein für Effekte, Vor- und Nachteile des Web 2.0 entwickeln und die Lehre bzw. das Lernen darauf abstimmen.
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