Gleicht nicht das Streben, neues Wissen zu erwerben der Reise in ein unbekanntes Land? In diesem Falle wäre die „perfekte“ Lehrperson mit Hilfe des Vergleiches mit einem „perfekten“ Reiseführer zu beschreiben:
Der perfekte Reiseführer macht zunächst seine Reise schmackhaft, wirbt für deren Vorzüge, beschreibt den Nutzen der Reise und weckt beim Reisenden eigenes Interesse auf das „Neuland“. Er stattet den Reisenden umfassend mit Informationen aus, hinsichtlich…
…notwendiger Vorbereitungen
…Tipps zum Inhalt des Gepäcks
…erlaubter und verbotener Gegenstände, Höchstgewicht und maximaler Anzahl der Gepäckstücke
…der geplanten Reiseroute
…der vermutlichen Reisedauer
…der gebuchten Unterkünfte
…der zu erwartenden Zwischenstationen und Sehenswürdigkeiten
…interessanter Begleitlektüre
…der Personen, die ebenfalls an der Reise teilnehmen
…der Einteilung von kleineren Reisegruppen für Ausflüge o.ä.
…etc.
Somit ergibt sich für den Reisenden bereits vor Reisebeginn ein umfassendes und lebendiges Bild dessen, was ihn erwartet und was er berücksichtigen sollte.
Während der Reise vereint der Reiseführer die Aufgaben der Informationsvermittlung, des Entertainments, des Dolmetschens, des Organisierens und ist stets bemüht, den Reisenden die Reise so angenehm wie möglich zu machen und bei ggf. auftretenden Störungen oder Irritationen Abhilfe zu schaffen.
Der Reiseführer ist über das Reiseziel umfassend informiert, war selbst bereits mehrmals dort und kennt auch Anekdoten und Geheimnisse, die sonst nur die Einheimischen kennen. Er kann die besten Restaurants empfehlen, kennt die Qualität der Hotels vor Ort und weiß, bei welchen Sehenswürdigkeiten sich ein Besuch lohnt.
All dies stellt er Reisenden nicht in einem Vortrag vor, sondern er führt Reisende direkt an die entsprechenden Orte und bietet sein Wissen im Kontext der Umgebung vor Ort an.
Der Reiseführer ist nicht ständig bei der Reisegruppe, aber er ist immer erreichbar. Er stellt Reisenden völlig frei, sich der Gruppe anzuschließen oder in kleinen Gruppen oder gar allein die Gegend zu erkunden. Er informiert jedoch über mögliche Verkehrsmittel, mögliche Risiken und über den spätesten Zeitpunkt der Weiterfahrt, so dass kein Reisender zurück bleibt.
Des Abends können Reisende gemeinsam mit dem Reiseführer in geselliger Runde zusammensitzen. Der Reiseführer zeigt sich hier auch einmal von seiner privaten Seite, kommt ggf. mit einzelnen Reisenden ins Gespräch und man lernt sich gegenseitig besser kennen. So kann der Reiseführer bestenfalls sogar abschätzen, welche Ziele für einzelne Reisende besonders interessant sein könnten oder welche Ziele eher zu meiden sind.
Zieht man nun die Parallele zu den Ausführungen Dörings (2009), erkennt man deutliche Übereinstimmungen mit seiner Beschreibung von Lehrpersonen:
Lernende sollten nach Döring als Kunden betrachtet werden, der Lehrer wird damit zum Dienstleister. Die Professionalität des Lehrers setzt sich zusammen aus Persönlichkeitskompetenz, organisatorischer Kompetenz, fachlicher Kompetenz, didaktischer/methodischer Kompetenz sowie sozialer Kompetenz. All dies würde man auch dem Reiseführer aus o.g. Vergleich zuordnen.
Hinsichtlich der didaktisch-methodischen Planungsebene ist der „lehrende Reiseführer“ ebenfalls auf Dörings Seite: Begriffe wie „Fachlandkarte“ und „Inseln“, die Ausrichtung am Teilnehmendenbedarf, Beteiligung, Mitbestimmung und Mitverantwortung der Teilnehmer, Lernklima etc. untermauern die Zulässigkeit dieses Vergleiches.
Letztlich dürfte in beiden Fällen – dem des Reisenden und dem des Lerners – entscheidend sein, was von der Reise hängen bleibt, ob sie „ihr Geld wert“ und ob sie unterhaltsam war.
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Literatur:
Döring, K. (2009) Studienbrief Didaktik und Methodik. Universität Duisburg-Essen, Institut für Erziehungswissenschaften, Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement, Weiterbildendes Studienprogramm Educational Media.

Lieber Sebastian, ein sehr interessanter Post. Das oft zitierte Reisebild passt wirklich prima. Ich finde jedoch du hast einen Aspekt etwas vernachlässigt, der Reisende, also der Schüler, wird ja nicht nur aus Dienstleistungsgesichtspunkten "gebildet". Der Lehrer hat ja auch eine zukunftsschaffende und erzieherische Verantwortung den Schülern gegenüber.
AntwortenLöschenAnsonsten ein super Beitrag, trifft genau meinen Geschmack.
Lieber ezSebastian,
AntwortenLöschenein schönes Bild! Ein richtig anschaulicher Beitrag, ganz wie ich es gerne lese!
Ganz typisch für meinen Beruf habe ich zunächst an einen Reiseführer in Buchform gedacht. Leider gibt es auf dem Buchmarkt viel zu viel Schrott im Angebot. Das sind nämlich Reiseführer, deren Verfasser den beschrieben Reiseort eben nicht besonders gut kennen. Beim Lesen stelle ich mir dann häufig die Frage: Wann war der Autor eigentlich das letzte Mal da? 1992?
Vielleicht gibts ja auf dem Lehrermarkt genau so viel Schrott "in den Regalen". Der Abschluss der ezLearners im Dezember 2010 wird die Schrott-Quote ganz sicher senken!
Lieber Sebastian,
AntwortenLöschenwundervolle Bildsprache! Gefällt mir sehr gut. :-)
Besonders interessant an deinem Ansatz/ deinem Vergleich finde ich, dass der Dienstleister/ Reiseleiter auch vorab für die "Buchung" der Reise wirbt. Ich interpretiere das so, dass eine Lehrperson auch unbedingt die Motivation der "Gäste" im Blick haben sollte. Zusammen mit dem beschriebenen organisatorischem Talent ist wohl vor allem Verlässlichkeit die Eigenschaft, die deinen Reiseleiter prägt - eigene Stetigkeit, aber auch die Fähigkeit, die Motivation der Reisegruppe anzufachen und aufrechtzuerhalten. Dabei begegnet mir bei deiner Lehrerbeschreibung auch das Wort "unterhaltsam". Finde ich auch sehr wichtig und bezeichnet eine Eigenschaft für Lehrende, die, glaube ich, oft unterschätzt wird...
Lieber Sebastian,
AntwortenLöschenich möchte mich meinen Vorredner/innen anschließen: ein sehr anschaulicher Beitrag, der Deine Sicht auf die Lehrperson gut vermittelt! (Du warst also eine guter Reiseführer :)
Ich finde den Einwand von Andreas interessant: "Der Lehrer hat ja auch eine zukunftsschaffende und erzieherische Verantwortung den Schülern gegenüber." Für die Schule ist das sicherlich richtig, aber gilt das auch für den Weiterbildungsbereich?
Eine Herausforderung für die Lehrperson sind m.E. die unterschiedlichen Rollen, die Du zurecht anführst, das wurde auch in einem anderen Blog thematisiert. Unterstützen, Führen, Begleiten, Zurückziehen, es ist sicher nicht immer einfach im Lehrkontext die richtige Rolle zu wählen und authentisch zu übermitteln.
Herzliche Grüße
Britta