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Freitag, 22. Oktober 2010

Sind Patienten "Lernende"?

Will man Erkenntnisse aus der (Medien-)Didaktik auf Situationen logopädischer Diagnostik und Therapie anwenden, muss vorab der Frage nachgegangen werden, ob  d e r  zentrale Begriff aktueller (medien-)didaktischer Literatur - Lernende bzw. Lerner - auf Patienten/Klienten anwendbar ist. Nur dann nämlich hätten die übertragenen Annahmen auch in diesem Kontext ihre Gültigkeit!


Augenfällig scheint zunächst, dass Patienten als ein Merkmal ihrer Rolle eine irgendwie geartete Einschränkung ihrer Gesundheit mitbringen. Zu klären ist daher individuell, ob es sich dabei um Erkranungen, Störungen oder Behinderungen handelt, die die Teilhabe an Informations- und/oder Kommunikationsmedien einschränken. Aus diesem wichtigen Kriterium ergeben sich zahlreiche weitere Fragestellungen, wie z.B. zum Einsatz von Hard- und Software zur erleichterten Bedienung von Computern etc.

Doch selbst im Falle von Patienten, die aufgrund ihres Befundes nicht in der Nutzung medialer oder telematischer Therapieangebote eingeschränkt sind ist zu klären, ob sie die Merkmale von Lernenden im mediendidaktischen/medienpädagogischen Sinne erfüllen.

Betrachten wir zunächst grob relevante Merkmale (Friedrich 2009): Lernende...

...haben einen Trainingsbedarf
...benötigen Steuerung von außen in unterschiedlichem Maße
...werden kognitiv gefordert
...benötigen eine hinreichende Motivation
...benötigen geeignete Ressourcen
...lernen im Rahmen sozialer Interaktion wirksamer
...greifen auf Vorwissen zurück
...haben ein Erfolgsbedürfnis
...möchten selbstbestimmt agieren können
...möchten sozial eingebunden sein
...benötigen Beratung und Unterstützung


Wie steht es nun um diese Eigenschaften bei Patienten in der Logopädie? Fragen wir einmal kritisch nach:

Haben Patienten einen Trainingsbedarf?
Ja! Die Indikation für die Verordnung einer logopädischen Intervention beruht letztlich immer darauf, dass eine Schädigung beseitigt oder deren Verschlimmerung verhindert bzw. verlangsamt werden soll. Dies impliziert in jedem Falle ein Training, sei es muskulär, kognitiv oder in anderer Hinsicht.

Benötigen Patienten Steuerung von außen in unterschiedlichem Maße?
Ja! Denn immer dann, wenn ein gesundheitliches Problem auftritt, stößt man in der Regel auf Funktionssysteme, mit denen man sich zuvor noch nie bewusst auseinandersetzen musste. Erst wenn einem Lehrer die Stimme versagt, informiert er sich über die Physiologie der Stimme. Erst, wenn das eigene Kind stottert, informiert man sich über das Phänomen stottern. Somit kann davon ausgegangen werden, dass jeder Patient am Beginn seiner Auseinandersetzung mit seiner Störung (i.S. von beginnender Krankheitsbewältigung) Rat, Literatur, etc. heranziehen wird und sich somit bereits durch diese Materialien steuern lässt.

Werden Patienten kognitiv gefordert?
Es mag Interventionen geben, bei denen der Therapeut auf den Patienten einwirkt, während dieser passiv bleibt (z.B. Massagen). In der Logopädie sind solche Situationen jedoch recht selten. Angefangen bei der Beratung von Patienten und Angehörigen bis hin zur logopädischen Therapie gibt es ständig Situationen, in denen Patienten (neues) Wissen speichern, verknüpfen, erinnern oder anwenden sollen.

Benötigen Patienten eine hinreichende Motivation?
Ja! Ein Patient ohne den eigenen Willen zur Teilnahme an einer Intervention wird keinen Behandlungserfolg erleben, schon allein deshalb, da er ohne Motivation keine trainierenden oder automatisierenden Übungen in Abwesenheit des Therapeuten durchführen wird.

Benötigen Patienten geeignete Ressourcen?
Abhängig vom Störungsbild in unterschiedlichem Ausmaß, generell aber gilt: Ja! Neben geeigneten (z.B. lingustisch gezielt ausgewählten) Therapiematerialien kommt ein Patient nicht ohne schriftliches oder bildhaftes Informationsmaterial aus, er benötigt die Möglichkeiten, Therapeuten aufzusuchen oder zuhause zu empfangen, etc.

Lernen Patienten im Rahmen sozialer Interaktion wirksamer?
Logopädie behandelt schwerpunktmäßig Patienten mit Kommunikationsstörungen (z.B. Sprach-, Sprech-, Stimm- oder Hörstörungen). Für diesen Behandlungsschwerpunkt gilt, dass sich gerade der Transfer erarbeiteter Übungsinhalte am besten in realen Kommunikationssituationen erreichen lässt. Daher gehört die Interaktion mit dem Therapeuten, mit anderen Patienten oder auch mit Angehörigen zu einem wesentlichen Szenario logopädischer Therapie!

Greifen Patienten auf Vorwissen zurück?
Dies hängt im Wesentlichen vom Alter und dem Zusammenhang mit der Störung ab: ein Kind mit Sprachentwicklungsstörung hat u.U. noch kein Vorwissen im Spracherwerb, welches es nutzen kann. Ein mehrsprachig aufwachsendes Kind, welches bereits eine Muttersprache erworben hat, greift hier bereits auf Sprachkompetenzen zurück, die den Erwerb der Zweitsprache erleichtern. Ein Patient mit Schlaganfall, welcher nun unter Wortfindungssötungen leidet, kann sehrwohl bereits bekannte Abrufstrategien oder das noch vorhandene semantische Wissen erleichternd nutzen.

Haben Patienten ein Erfolgsbedürfnis?
Mehr noch: i.d.R. haben sie sogar einen Leidensdruck, der das Niveau eines Erfolgsbedürfnisses deutlich übersteigen dürfte. Dies kann bis hin zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt reichen.

Möchten Patienten selbstbestimmt agieren können?
Vor allem erwachsene Patienten sind nicht selten aufgrund ihrer Erkrankung von der Hilfe anderer Menschen abhängig. Daher ist der Wunsch nach Selbstbestimmung in diesen Fällen sehr groß. Aber auch Kinder, die durch ihr Umfeld bemerken, dass Sie "nicht normal entwickelt" sind verspüren oft das Bedürfnis, nicht wegen ihrer Störung im Mittelpunkt zu stehen und selbstbestimmt agieren zu können.

Möchten Patienten sozial eingebunden sein?
Im Grunde ist dies der tiefere Sinn logopädischer Therapie: ein Patienten, der trotz seiner Störung in sein soziales Umfeld integriert ist, hat oftmals weder einen Leidensdruck noch eine intrinsische Motivation. Erst wenn ein sozialer Nachteil durch eine Entwicklungsstörung, eine Sprach-/Sprechauffälligkeit, etc. auftritt, besteht eine echte Indikation für logopädische Intervention.

Benötigen Patienten Beratung und Unterstützung?
Dies liegt auf der Hand! Wäre das nicht der Fall, bestünde kein Bedarf an all den zahlreichen Heil- und Hilfsberufen, die gerade im Gesundheitswesen verankert sind.

Fazit:
In der Regel erfüllen Patienten in ihrer Rolle die selben Eingenschaften, die auch Lernende in Bildungskontexten besitzen. Daher können auch (medien-)didaktische Perspektiven der Planung logopädisch relevanter, multi-/telemedialer Interventionsangebote zugrunde gelegt werden.

Aber: zumindest ein Teil des logopädischen Klientels ist deutlich älter als der "typische Lernende", nämlich 60 Jahre, 65 Jahre, 70 Jahre und älter. Studien zum Lernverhalten in dieser Altersklasse dürften seltener sein als solche, die Probanden im Alter uter 60 zum Gegenstand haben. Außerdem sind Senioren die Bevölkerungsgruppe, welche moderne Medien doch eher zurückhaltend nutzt (siehe Grafik).



Genauer betrachtet werden sollten außerdem die Einschränkungen, die ggf. die jeweilige Erkrankung für den Patienten mit sich bringt und die negative Auswirkungen auf die Teilhabe an medialen Angeboten haben können.




Literatur:

Friedrich, Helmut Felix (2009) Lernstrategien und selbstgesteuertes Lernen. Studienbrief im Modul "Lernpsychologische und diaktische Grundlagen", weiterbildendes Studienprogramm Educational Media der Universität Duisburg-Essen



Friedrich, Helmut Felix (2009) Selbstgesteuertes Lernen - sechs Fragen, sechs Antworten. Studienbrief im Modul "Lernpsychologische und diaktische Grundlagen", weiterbildendes Studienprogramm Educational Media der Universität Duisburg-Essen

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